Test: Unrest – Ein Adventure voller Text und Moral

Test: Unrest – Ein Adventure voller Text und Moral
Spielspaß
3.5
Umfang
3
Grafik
3
Sound
3.5
Wertung
3.25

Mit Unrest von Pyrodactyl Games ist kürzlich ein neues Adventure erschienen, das Mitte letzten Jahres auf Kickstarter nach einer Finanzierung suchte und diese auch bekam. Die Entwickler sitzen selbst in Indien und haben versucht die Einflüsse ihres Landes in das Spiel zu integrieren. Gesammelt wurden dafür über 35.000 US Dollar, obwohl nur $3.000 anvisiert wurden. Das erfrischend andere Thema des Spiels war sicher einer der Anreize für die starke Unterstützung der Gamer.

Unrest spielt in einem fantasievollen Indien in der Vergangenheit – ohne Technik, Autos etc. Im Land Stadtstaat Bhimra leben neben den Menschen auch echsenartige Wesen. Es geht dabei um die Geschicke der Regierung, den Umständen in den Slums der Stadt, die Bauern auf den umliegenden Feldern und die Menschen, die in der Stadt die Fäden ziehen. Das Spiel ist dabei extrem textlastig und gibt dem Spieler jede Menge Entscheidungen zur Hand. Diese sind niemals falsch, so dass die Geschichte im Grunde ähnlich wie z.B. bei The Walking Dead von Telltale sich nach den Entscheidungen des Spielers richtet. Dies merkt man an einigen Stellen im Spiel deutlich.

Wer schöne und spannende Geschichten erleben will, der solle Unrest definitiv eine Chance geben. Es ist sehr tiefgründig und bietet viele moralisch fragwürdige Entscheidungen. 
Im Grunde ist es eine Mischung aus Walking Dead und Dear Esther. Während man in Ersterem auch ab und an mal Reaktionstest bekommt und auch ein Inventar für Puzzle besitzt ist der 2. Titel eher mit sich selbst beschäftigt und versucht nur die Geschichte zu erzählen. Auch Unrest möchte seine Geschichte erzählen, nutzt dabei aber im Grunde die Friedlichkeit eines Dear Esther gepaart mit der Dialoglastigkeit von The Walking Dead. Dabei sei gesagt, dass die Dialoge in TWD nichts im Vergleich zu denen in Unrest sind. Die Gespräche sind teils sehr lang und intensiv und sorgen für jede Menge Lesestoff. Dabei wird aber nicht um den heißen Brei geredet. Stattdessen gibt es bei fast jedem Dialog Wissenswertes rund um die Beweggründe und andere Dinge der Gesprächspartner. Alle Dialoge sind klasse geschrieben und kommen sehr professionell daher.

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In Unrest spielt man 5 ganz unterschiedliche Charaktere. Egal ob Shyam von der Stadtwache, Asha, die verloren gegangene Tochter der ehemaligen Regenten von Bhimra, Tanya das Bauernmädchen, Bhagwan den hilfsbereiten Priester oder auch Chitra, eine Mentorin der Echsenwesen. Alle Teile des Spiels stellen einen immer wieder vor Moralfragen und bringen ein ethisches Dilemma nach dem anderen zum Vorschein. Tanya zum Beispiel ist ein Bauernmädchen, das von ihren Eltern jemand anderem versprochen wird. Einem Jungen, der eigentlich gar keinen Bock auf sie hat. Seine Eltern waren Händler, also etwas höher angesiedelt, aber der Vater hat nicht mehr viel Geld und verspricht seinen Jungen daher diesem Bauernmädchen, in der Hoffnung ihr Vater bringt etwas Geld mit. Wir erleben Tanyas Geschichte und können selbst entscheiden wie sie weitergeht. Heiraten wir oder nutzen wir eine Gelegenheit im Spiel und reiten mit einem Pferd davon um der Hochzeit zu entfliehen? Später im Spiel wird man merken, wie man sich entschieden hat. Denn an anderer Stelle treffen sich die Handlungsstränge und das Spiel konfrontiert uns mit der damaligen Entscheidung. An anderer Stelle arbeiten wir als Priester und helfen dabei, den armen Menschen Brot zu bringen und Spenden zu sammeln. An einer Stelle können wir uns für 60 Münzen Schutz für die eigene Familie kaufen oder eben nicht. Welche Entscheidung würdest du treffen? Steht die Familie über allem und du zwackst Geld von den Spenden ab, oder bist du ehrlich und hoffst, dass alles auch so gut geht? Immer wieder muss man sich um Krankheiten, politische Angelenheiten und soziales Verhalten anderer kümmern. So sind z.B. die Echsenwesen nicht gerne gesehen und ein wenig geht es in die Richtung vom Film District 9. Zumindest fühlte ich mich das ein oder andere Mal daran erinnert, als ich etwas über die Slums erfuhr. Feindschaften gibt es auch in diesem Spiel an jeder Ecke.

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Diese immer wieder äußerst moralischen Entscheidungen machen das Spiel spannend und lassen einen so richtig in der Geschichte versinken. Dank dieser vielen Wege das Spiel zu spielen bietet sich vor allem auch nicht nur eine Wiederspielmöglichkeit. Wer wissen will was bei einer anderen Entscheidung gewesen wäre, der probiert es einfach beim 2. Mal aus. Alternativ kann man statt dem schweren auch den leichten Schwierigkeitsgrad wählen. Hier speichert man einfach immer wieder zwischendurch und überlegt sich einfach von dort später weiter zu spielen. Im schweren Modus ist das nicht möglich. Insgesamt dauert das Durchspielen etwa rund 3 Stunden, was nicht gerade lang ist für ein Adventure. Allerdings kostet das Spiel auch nur 11,99€ auf Steam oder alternativ $14,99 über das Humble Widget auf der Homepage. Hier bleibt den Entwicklern am meisten Geld über. Der Preis ist dem Spiel durchaus angemessen und Bücherfans werden ihre Freude am Spiel haben. Denn eine gute Geschichte bietet das Spiel allemal. Allerdings muss man schon einigermaßen gut englisch sprechen können, um auch Spaß am Spiel zu haben. Aktuell gibt es keinerlei Untertitel für andere Sprachen.

Sogar Kämpfen kann man im Spiel, wenn man es dazu kommen lässt. Allerdings ist das nur an wenigen Stellen möglich und es gibt immer auch eine friedliche Lösung. Je nach Spielstil kommt man also auch komplett ohne Kämpfen aus und kann mit Worten seiner Meinung Ausdruck verleihen. Dieser Ausdruck wird anhand 3er Balken bei den Gesprächen dargestellt. Je nachdem was man antwortet schwanken die Balken in diverse Richtungen wie z.B. ängstlich oder vertrauenswürdig. Man sieht also zu jeder Zeit, was der andere gerade fühlt.

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Die Welt von Unrest kommt handgemalt daher und weiß trotz wenig Detailvielfalt und etwas hakeliger Animationen einigermaßen zu gefallen. Thematisch hat man sich an der Optik sehr nah an das reale indische Vorbild gehalten. Alles wirkt stimmig wie aus einem Palast in Fernost. Auch musikalisch hat man einiges zu hören. Die indischen Ursprünge klingen dabei in jedem Lied durch.  Wer nicht so sehr auf diese Musik steht, der stellt sie lieber ab, aber alle anderen sollten dabei eine angenehme Untermalung für die Geschichte vorfinden. Zu guter Letzt haben die Entwickler auch noch auf die “Modbarkeit” von Unrest geachtet. So können Spieler nun eigene Welten und Geschichten erzählen und dem Spiel noch mehr Wert verleihen. Wer weiß, was die Community hier noch schickes hervorzaubert.

Wer schöne und spannende Geschichten erleben will, der solle Unrest definitiv eine Chance geben. Es ist sehr tiefgründig und bietet viele moralisch fragwürdige Entscheidungen. Dabei wird einem nebenbei eine Story präsentiert, die auch aus der heutigen Zeit stammen könnte. Denn Arm und reich gibt es auch heute noch. Auch Aufstände sind wie z.b. in Ägypten nicht gerade aus alten Zeiten. Somit ist die Geschichte erfrischend aktuell, obwohl in einer fiktiven Vergangenheit spielt. Wer allerdings nicht gerne Unmengen an Text liest, der sollte die Finger von Unrest lassen.